VEDISCHE PHILOSOPHIE UND KULTUR:
Der eine Veda – die Wissenschaft der Klangschwingung
Von Marcus Schmieke
Sprechen wir von den Veden, so beziehen wir uns vor allem auf die
schriftliche Form der Veden, die uns heute in Form von Büchern
zugänglich ist. Diese Form existiert jedoch erst seit ca. 5 000 Jahren,
als Shrila Vyasadeva den ursprünglichen Veda in vier Teile aufteilte
und niederschreiben ließ.
Der Veda ist ursprünglich spirituelle Klangschwingung und existiert als
solcher in vier Phasen, welche sehr schwer wahrzunehmen sind. Drei von
diesen Phasen befinden sich innerhalb des Lebewesens, und nur die
vierte Phase ist außerhalb des Lebewesens als Sprache oder hörbare
Klangschwingung manifestiert. Die vier Phasen des vedischen Klangs
sind140:
(i) para:
Der vedische Klang, der sich auf der feinstofflichsten Ebene der
Lebenskraft oder des prana im adhara-cakra manifestiert, wird als para
bezeichnet. Das adhara-cakra versorgt den gesamten Körper mit prana,
und der auf dieser Ebene manifestierte vedische Klang moduliert die
Schwingungen der Lebenskraft, die die Aktivitäten des Bewußtseins
ausführt und die Sinne belebt.
(ii) pasayanti: Der
vedische Klang, der sich auf der feinstofflichen Ebene des Geistes im
manipura- oder Nabel-cakra manifestiert, wird als pasyanti oder die
mentale Phase des vedischen Klangs bezeichnet.
(iii) madhyama: Die
intellektuelle Phase des vedischen Klangs wird als madhyama bezeichnet
und manifestiert sich auf der Ebene der Intelligenz im anahata- oder
Herz-cakra, wo auch die spirituelle Seele und die Überseele
transzendental situiert sind.
(iv) vaikhari: Die
für die Sinne manifestierte hörbare Phase oder sinnliche Phase des
vedischen Klangs wird als vaikhari bezeichnet und ist in der
grobstofflichen Materie als Klang manifestiert. Zum exakten Verständnis
dieses manifestierten vedischen Klangs bedarf es jedoch einer großen
Zahl von Hilfsmitteln, die in den als Vedangas bekannten Ergänzungen
der vedischen Schriften als eine eigenständige Wissenschaft dargelegt
werden.
Der vedische Klang wird als ananta-para bezeichnet, weil er jenseits
von Raum und Zeit existiert und alle schöpferischen Kräfte des
Universums und darüber hinaus umfaßt. Er ist nicht materiell und wird
niemals von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur
beeinflußt.
In seinen verschiedenen Phasen kann er nur von selbstverwirklichten
Seelen wie Narada und Vyasadeva verstanden werden, die ihr eigenes
Dasein von allen materiellen Einflüssen geläutert haben und somit den
vedischen Klang in seiner ursprünglichen Form direkt wahrnehmen können.
Diese selbstverwirklichten Seelen machen den vedischen Klang denen
zugänglich, die ihn nicht in seinen verschiedenen Phasen wahrnehmen
können, weil ihr Bewußtsein materiellen Einflüssen unterliegt.
Ihr Ziel ist es, durch ihre Unterweisungen die materiell bedingten
Lebewesen zu läutern und es ihnen damit ebenfalls zu ermöglichen, den
vedischen Klang direkt wahrzunehmen. Zu diesem Zweck geben sie den
bedingten Seelen durch den Vorgang der Einweihung sogenannte mantras,
vedische Klangfolgen, die die Kraft haben, den Geist der Person von
materiellen Einflüssen zu befreien. Wird ein solcher mantra von einem
echten spirituellen Meister weitergegeben und vom Schüler im Einklang
mit den begleitenden Unterweisungen des Meisters ausgesprochen, hat der
dadurch erzeugte vedische Klang außer der hörbaren Phase auch die drei
inneren Phasen, wodurch sowohl die grobe als auch die feinstoffliche
Ebene mit spirituellem Klang erfüllt und geläutert werden.
Die vaikhari-Phase des vedischen Klangs entspricht der modernen
eingeschränkten Auffassung des Klangbegriffs als rein physikalisches
Phänomen. Die drei feinstofflichen Phasen weisen eine zusätzliche
semantische Qualität auf, die dem modernen physikalischen Verständnis
nicht zugänglich ist. Weil in den feinstofflichen Phasen des Klangs der
feinstoffliche Körper und damit auch das citta-Element mitschwingt, ist
auf diesen Ebenen zu einem unterschiedlichen Grad die Bedeutung des
Klangs als dessen feinstoffliche Form im Klang mitenthalten und nicht
vom Klang selbst verschieden.
Auf der Ebene des para-Klangs ist die Trennung zwischen Symbol und
Bedeutung vollkommen aufgehoben, während diese Trennung sich auf der
pasyanti-Ebene bereits manifestiert und erst auf der madhyama-Ebene
ganz vollzogen ist. Der Klang auf der madhyama-Ebene hat also zwei
Komponenten, von denen die eine die physikalische Klangschwingung und
die andere deren Bedeutung ist. Diese Unterscheidungen spielen vor
allem in den Sprachwissenschaften eine große Rolle, wirken sich aber
auch auf das Verständnis der physikalischen Welt aus.
Der vedische Klang
ist rein spirituell, weil sein Ursprung die Höchste Persönlichkeit
Gottes ist, die durch ihn in der materiellen Welt repräsentiert wird
und der materiellen Energie Form und Struktur gibt. Die der materiellen
Welt zugrundeliegende Information und Intelligenz wirkt also durch den
vedischen Klang auf die Materie.
Die Silbe Om,
der vedische omkara, enthält alle vedischen Klangschwingungen und ist
somit ebenfalls eine vollständige Repräsentation Gottes. Dieser omkara
ist in jedem Lebewesen in seinen feinstofflichen Phasen manifestiert
und kann durch Meditation wahrgenommen werden.
In der Bhagavad-gita,
einem der bedeutendsten vedischen Texte, erklärt Shri Krsna: Wenn man
in diesem yoga-Vorgang gefestigt ist und die heilige Silbe Om, die
höchste Buchstabenkombination, chantet und wenn man dann beim Verlassen
des Körpers an die Höchste Persönlichkeit Gottes denkt, wird man mit
Sicherheit die spirituellen Planeten erreichen.
Als Klangrepräsentation des Absoluten existiert auch das omkara in drei
Phasen, d.h. daß es nicht nur die spirituelle Einheit repräsentiert,
sondern sich über den lokalisierten Aspekt Gottes hinaus auch auf die
transzendentale Form der Höchsten Persönlichkeit Gottes bezieht und
damit ebenfalls eine transzendentale persönliche Form besitzt. Es heißt
in den Veden, daß in bezug auf den persönlichen Aspekt Gottes das
omkara mit dem maha-mantra identisch ist, der als der große mantra bekannt ist:
Hare Krishna Hare Krishna
Krishna Krishna Hare Hare
Hare Rama Hare Rama
Rama Rama Hare Hare
Vor allem Shri Chaitanya Mahaprabhu,
der vor ca. 500 Jahren in West-Bengalen lebte und der bedeutendste
Lehrer der Gaudiya-Vaisnava-Sampradaya ist, hat das Chanten dieses
Mantras als den machtvollsten Weg zur Verwirklichung des vedischen
Wissens empfohlen, weil es das Bewußtsein des Menschen, der diesen
Mantra chantet, sehr schnell von allen materiellen Einflüssen befreit
und das ursprüngliche reine Bewußtsein des Lebewesens wiedererweckt. In
diesem erleuchteten Zustand, so lehrte er, empfindet der erfolgreiche
Transzendentalist reine Liebe zu Gott und bringt Ihm mit
transzendentaler Freude hingebungsvollen Dienst dar.
Schlussbetrachtung
Dieser Text versuchte deutlich zu machen, daß die vedische Kultur
tatsächlich den Rahmen für eine spirituelle Wissenschaft bilden kann,
der weit genug ist, alle Arten von Wissen zu fördern, die der
Menschheit helfen, sowohl in materieller als auch in spiritueller
Hinsicht voranzukommen.
Hierbei wurde vor allem die spirituelle Entwicklung betrachtet, die als
wichtiger angesehen wird als der zeitweilige materielle Fortschritt.
Das vedische Wissen hat für viele Jahrtausende Menschen geholfen, den
Weg zur spirituellen Erkenntnis zu gehen und kann gerade in der
heutigen Zeit dazu beitragen, mehr und mehr Menschen den spirituellen
Weg zu eröffnen, indem es die Grundlage einer spirituellen Wissenschaft
bildet, die die Grenzen von Nationalität, Religion und Weltanschauung
überschreitet.
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